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Ein Herzog auf Theatermission

Interview mit dem Biografen Prof. Alfred Erck anlässlich des 100. Todestages von Herzog Georg II. für die Deutsche Bühne ...

Interview: Susann Winkel

Die Deutsche Bühne: Herr Erck, stellen Sie uns den Theaterherzog vor!

Alfred Erck: Er war imponierend – zwei Meter groß und drei Zentner schwer. Viele haben sich an dieser Erscheinung abgearbeitet, Richard Wagner etwa hat ihn als eine heidnische Gestalt beschrieben, nicht in seine Zeit passend, fast furchterregend. In seiner Haltung war er ein ganz konservativer Mann, eine Renaissance-Persönlichkeit, für die nur Schönheit, Wahrheit und Macht zählte. Und er war ein Künstler, der nicht mit anderen Herzogen, sondern mit den schöpferischen Menschen seiner Generation verglichen werden wollte.

Europaweit bekannt wurde Georg II. durch seine Verdienste um das Theater. Geschaffen ausgerechnet in der Thüringer Provinz.

Alfred Erck: Große Kunst entsteht oft in ökologischen Nischen, wo Neues weitgehend unbeobachtet ausprobiert werden kann. Die Thüringer Herrscher hatten wirtschaftlich und militärisch wenig zu sagen, dadurch wichen sie auf die Kunst aus. Wie in Weimar, boten sie auch in Meiningen jenen Künstlern einen Schaffensort, die noch nicht wussten, ob sie nach Berlin oder Wien gehörten. In Meiningen hat Georgs Vater, Herzog Bernhard II, zunächst die Oper und die Kapelle gefördert – biedermeierlich, unverbindlich, eher auf Vergnügen ausgerichtet. Er schrieb sogar selbst Unterhaltungsstücke. Dem Sohn war das nicht ambitioniert genug. Mit dem Antritt seiner Regierung 1860 schaffte Georg die Oper ab und übertrug ihren Anspruch in der Ausstattung auf sein geliebtes Schauspiel. Seine Bühne sollte es den führenden Shakespeare-Bühnen gleichtun.

Was prädestinierte den regierenden zu einem regieführenden Herzog?

Alfred Erck: Eigentlich konnte nur ein regierender Herzog ein Regietheater begründen. Ein Erbprinz wächst als geborener Herrscher heran. Seine „natürliche Aufgabe“ ist es, Regie über Menschenmassen zu führen, um ein Ziel zu erreichen. Und zwar nicht nur auf Zeit wie gewählte Politiker, sondern sein gesamtes Leben. Zweitens verfügte dieser Mann über Lebenserfahrung. Wenn er seine Verwandtschaft besuchte, schlief er in den Betten von Königen, ging er inkognito auf Wanderungen, übernachtete er in Fischerhütten. Er kannte, was er auf der Bühne inszenierte, und hatte nicht nur eine Vorstellung davon. Schließlich besaß Georg einen enormen Bildungsschatz. Viele Jahre bereiste er Italien, um über die bildenden Künste und die Arbeit mit Kirchenchören zu lernen. Beides war ihm nützlich für die historisch treue Theaterarbeit.

Wie hat man sich diese vorzustellen?

Alfred Erck: Der Herzog kam vom Historismus her, ihm ging es bei seinen Kostümen und Bühnenbildern stets um das historische Detail. Bei manchen Stücken ließ er seine Darsteller mit echtem Schmuck auftreten oder stellte originale Möbel aus seiner Residenz auf die Bühne. Bekannt war er auch für seine Massenregien, in denen er Menschen bevorzugt in historisch-revolutionären Aktionen zeigte. Über diesen naturalistischen Ansatz gelangte er zur Illusion auf der Bühne, das Publikum war hingerissen.

Was zeichnete den Theatermann Georg noch aus?

Alfred Erck: Er wollte dem Autor zu seinem Recht zu verhelfen, ihn vor dem Publikum auf den Thron heben. Der Regisseur galt ihm nur als Vermittler des Werkes zum Publikum, das wiederum durch die Kunst im aufklärerischen Sinne humanisiert werden sollte. Daher stritt Georg gegen die Verballhornung und Verramschung der Vorlage durch den Regisseur – ein gänzlich anderes Verständnis vom Regietheater als das moderne.

Für dessen Vorführung ihm jedoch eine große, bedeutende Bühne fehlte.

Alfred Erck: Aber er konnte durch sein Verhalten ein Beispiel geben. Georg dachte ganz modern in Modellen, er wollte mit Musterinszenierungen Lösungen anbieten, die andere nachahmen können. Dafür ging er auf Mission – auf Gastspielreise. Andere sollten die Meininger sehen und von ihnen lernen, bis sie die neue Form der Bühnenarbeit selbst beherrschten. Das war ihm wichtiger als der eigene Gewinn und Erfolg. Er bezahlte das Theater aus seiner Privatschatulle, trug selbst das ganze Risiko.

Aber er hatte Hilfe bei der Umsetzung seiner Visionen?

Alfred Erck: Georg suchte das Bündnis mit Bühnenpraktikern wie dem Organisationstalent Ludwig Chronegk und der Schauspielerin Ellen Franz, seiner späteren Gemahlin. Ihre Affäre war ein ungeheurer Skandal, zumal sie bereits fünf Jahre vor dem Tod von Georgs zweiter Frau Feodore begann. Das Theater war schließlich die Eheversicherung des ungleichen Paares. Sie brachte – nachdem sie nicht mehr auf der Bühne stehen durfte – Inszenierungsideen ein und betrieb das Rollenstudium mit den jungen, ambitionierten Darstellern. Vor allem führte sie den großen Briefwechsel und wob damit um den Herzog ein kommunikatives Netzwerk mit Künstlern aus ganz Deutschland.

Was hat der Theaterherzog Meiningen hinterlassen?

Alfred Erck: Zum einen das neue Theatergebäude nach dem großen Brand von 1908, mit der Innschrift „Dem Volke zur Freude und Erhebung“. Weiterhin  eine Verpflichtung Shakespeare gegenüber und eine Neigung zur Ausstattung. Und die Aufgabe, sich stets zwischen Tradition auf der einen Seite und neuen Stücken, Stoffen und Handschriften auf der anderen Seite positionieren zu müssen.