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Glas in der Gesamtschau

Besprechung der Ausstellung anlässlich des 4. Coburger Glaspreises auf der Veste und im Museum für modernes Glas ...

Von Susann Winkel 

Da ist es plötzlich wieder, das Gefäß. Vor der Halle mit den Wagen und Schlitten war es schon einmal zu sehen, allerdings in der historischen Ausführung, als filigrane Schale oder wuchtiger Humpen. Nun begegnet ihm der Besucher ein zweites Mal, im Erdgeschoss der Steinernen Kemenate, gleich hinter der Caféteria der Veste Coburg. Dort ist der erste von vier Ausstellungsteilen zum 4. Coburger Glaspreis aufgebaut. Und mittendrin, gar nicht besonders auffällig arrangiert, steht die Vitrine mit den drei Skulpturen von Karen Lise Krabbe.

"Blind Boxes für Nothing" hat die Dänin ihre Gebilde genannt, die so wenig an Glas erinnern. Eher an Formen, die unter Einwirkung der Gezeiten am Strand entstehen. Schicht um Schicht hat sie die Künstlerin in einer Sandform gegossen, dafür Glaspuder mit dem Mineral Olivin kombiniert. Dass es sich um Dosen handelt, erkennt der Betrachter erst im geöffneten Zustand. Ein Gefäß also, und doch keines; Glas also, aber fern aller Traditionen.

Dieses doppelsinnige Verwirrspiel in perfekter handwerklicher Ausführung belohnte die Jury 2014 mit dem ersten Preis des Wettbewerbs, dotiert mit 15 000 Euro. Karen Lise Krabbe hat sich durchgesetzt gegen internationale Konkurrenz: 550 Künstler, in Europa lebend oder zumindest dort geboren, hatten mehr als 1100 Arbeiten eingereicht. Nur 170 Werke davon wurden für die Vergabe der drei Haupt- und der acht Sonderpreise berücksichtigt.

Gläserne Kompanie

Wie vielfältig die Szene mit ihrem Material umgeht, davon erhalten Betrachter noch bis Mitte September in den Kunstsammlungen der Veste sowie im Museum für Modernes Glas im nahen Rödental einen Eindruck. Zu entdecken gibt es Objekte, Skulpturen, Bilder, Installationen, Arbeiten mit Medieneinsatz, selten auch das vertraute Gefäß. Die zeitgenössische Gesamtschau bietet dabei Gelegenheit, Tendenzen und Themen der Szene nachzuspüren.

Ein Thema, das mehrere Teilnehmer im Jubiläen-Jahr 2014 umtreibt, ist das Trauma des Krieges. Im Keller der Veste, der den raumgreifenden Werken vorbehalten ist, hat Sebastian Richter seine gläsernen Helme aufgebaut. Formgepresstes Glas, akkurat ausgerichtet in fünf Reihen zu je vierzehn Helmen hintereinander. "Grandpa's holiday" hat er seine Geister-Kompanie genannt.

Mit Krieg setzt sich auch Susann Liebold auseinander. In ihrer Installation "V2222 - lost and found" verarbeitet sie Fundstücke aus einem längst aufgegebenen Schieferbruch nahe ihres Heimatortes im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. Dort wurden im Zweiten Weltkrieg Teile der berüchtigten Rakete "V2" gefertigt. Um den Krieg in seinem neuen Gesicht geht es in den Lichtkästen des britischen Glasmalers Jeff Zimmer. Seine Drohnen am milchig schimmernden Horizont wirken auf unbestimmte Weise bedrohlich. Dafür gab es den zweiten Preis des Wettbewerbs.

Neben der Politik kommt auch die Poesie zu ihrem Recht in der Schau. Der in Deutschland lebende Japaner Shige Fujishiro hat das Hanami, die Verehrung der Kirschblüte, zur Inspiration für eine Arbeit aus Abertausenden Glasperlen genommen. Aus ihnen hat er zartrosa Blüten geformt, die nicht Äste, sondern die Enden der Geweihe von Hirschen schmücken. Ein doppelter Kulturverweis, der mit dem Preis der Alexander Tutsek-Stiftung belohnt wurde.

Material und Bedeutung

Glas, das zeigt dieses Beispiel und die Coburger Ausstellung im Gesamten, gilt es nicht mehr nur nach allen Regeln des Handwerks und der daraus hervorgegangenen Kunst zu verarbeiten. Der Materialbeherrschung oft ebenbürtig ist die Bedeutung, die mit Glas transportiert werden soll. Das kann glücken, oder das kann in eifriger Interpretationsprosa enden. Beides findet der Besucher auf seinem Rundgang. Vor allem aber erlebt er einen Überblick über modernes Glas, der in solcher seltenen Dichte den Kunstfreund allemal zu einem Ausflug nach Coburg verpflichtet.

Ausstellung zum Coburger Glaspreis 2014 bis 14. September in der Veste Coburg und im Europäischen Museum für modernes Glas in Rödental; geöffnet täglich 9.30-17 Uhr. Ein begleitender Katalog ist erschienen.

Glas in der Gesamtschau