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Immer wieder der Mensch

Katalogbeitrag für die Ausstellung "Mimus vitae" von Claudia Kathrin Leyh in der Galerie ada Meiningen ...

Sie sind keine Geheimnisträger, die Figuren von Claudia Katrin Leyh. Viel zu offensichtlich steht ihnen ihre Geschichte ins Gesicht geschrieben. Von Sorge und von Selbstverliebtheit, von Gram und von Gier lässt sich zwischen Stirn und Kinn lesen. Wie in einem aufgeschlagenen Buch. Nackt sind ihre Gesichter, ohne Schmuck, und niemals makellos. Kein Beiwerk soll den Blick des Betrachters ablenken, noch nicht einmal Haare. Die lässt Claudia Katrin Leyh meist unter hochstrebenden Kopfbedeckungen verschwinden. Turbane, Hauben, Kappen, sogar Deckelchen von Teekannen setzt sie ihren Schöpfungen aus Bronze, Gips und Papiermassen auf. Und weist ihnen so gleichzeitig ihren Platz in der Gesellschaft zu: Narren, Herrscher, Dummlinge. Archetypen sind es, wie sie sich in jedem Jahrhundert in wandelnden Gestalten wiederfinden.

Im Gesicht der Regentin vermischt sich die Anmut der Macht mit der Bürde des hohen Amtes. Ihre nach vorn gerichteten Augen scheinen schon mehr zu sehen, vielleicht auch nur zu ahnen, als sie mit ihren dünnen Lippen aussprechen darf. Königin könnte sie sein in einer längst vergangenen Zeit, aber auch Managerin oder Politikerin. Ganz anders der Müde Krieger. Vom Kampf geschunden und des Kampfes überdrüssig, senkt er die Augen nach unten, lässt die Schultern hängen. Er vermag es nicht mehr, Haltung zu zeigen, seiner Aufgabe auf den Schlachtfeldern dieser Erde gerecht zu werden. Er ist es leid, so wie die Urban Cowboys es leid sind durch die Schluchten der Großstadt zu ziehen. Erschöpft sehen sie aus, gezeichnet von der Straße. Die Gangster-Coolness der weit nach vorn gezogenen Kapuze beziehungsweise Mütze entpuppt sich als Fassade.  

Es sind diese Widersprüche im Wesen, diese Doppelbödigkeiten eines Charakters, die Claudia
Katrin Leyh bei ihren Büsten und Vollplastiken herauszuarbeiten versucht. Und die sie oft schon im Titel zuschreibt. Ihre Heilige Einfalt scheint von schlichtem Geist zu sein. Doch der erste Eindruck trügt. Sieht man sie länger an, wandelt sich das Gesicht der Frau, es wirkt nun madonnenhaft mit dem angedeuteten milden Lächeln und den klassischen Zügen. Etwas schwer Vereinbares, Unstimmiges prägt diesen Menschen, ein inneres Missverhältnis, das sich auch äußerlich niederschlägt: in Verformungen. Der disharmonische Körper als Hülle wird dabei zum Spiegel seines disharmonischen Kernes, des zwiespältigen Geistes.

Nie sind die Figuren aus dem Hermannsfelder Atelier einfach nur schön, stets weichen ihre Proportionen vom anatomischen Ebenmaß ab, lassen sich Verzerrungen und Asymmetrien ausmachen – schiefe Münder, übergroße Nasen, verschobene Wangenknochen. Das kann dezent ausgeführt sein wie bei der Regentin oder dem kontemplativen Denker Silencium, sich aber auch bis ins Groteske hinein steigern. Die Goldene Gans reckt ihr kleines Köpfchen auf dem kräftigen, turmartig gestreckten Hals so hoch in den Himmel, dass man Angst haben muss, sie stolpere über ihre eigenen Füße. In ihrer unbeirrten Selbstvernarrtheit mutet sie an wie eine Gestalt aus dem Märchen, die es noch zu bekehren gilt. Himmelwärts strebt auch das Orakel, Haube und Hals schrauben sich in die Wolken hinauf. Und pfeift dabei so fröhlich und verzückt, dass es eine schöne Zukunft sein muss, die es gleich weissagt.    

Claudia Katrin Leyh bedient sich jedoch lieber am prallen Leben, als die Vorbilder für ihre Werke in fabelhaften Geschichten zu suchen. Zufallsbegegnungen auf der Straße oder Fotografien in der Zeitung – mit Vorliebe von Menschen im Augenblick der größten Anspannung oder des größten Jubels – regen zu Arbeiten an. Gelegentlich sind aber auch die Titel zuerst da und verlangen nach einem Werk. Nicht unbedingt sofort, manches Thema treibt die Künstlerin jahrelang um, bis es eine Form erhält. Das kann eine nachdenkliche Form sein, mit philosophischen Anflügen wie die Skulptur Alter Ego. Bei der sich zwei im selben Boot gegenübersitzen, nicht zu unterscheiden, die kleinen Augen aufeinandergerichtet. Zwei, die sich im Kreis drehen werden, weil sie nur ein Paddel haben, um zu navigieren.

Hin und wieder wird es auch politisch bei ihr, dann marschiert ein ganzes Karree putziger Chinesen aus Papier auf. Miniaturen im Unterschied zu den sonst fast lebensgroßen Büsten. Gutmütig sehen sie aus mit ihren kleinen Händen, die sie vor dem Gewand gefaltet halten, kindlich fast. Aber durch ihre schiere Masse ebenso bedrohlich. Andere Figuren dürfen ohne Zögern verlacht werden, die drei Politikasper etwa. Jämmerliche Karikaturen auf die Macher und Bestimmer im Lande sind sie, auf dem Haupt die Narrenkappen und in der Hand die Lanze mit dem Fähnlein, das in den Wind gehalten wird.

Sie erinnern in ihrer tumben Erscheinung an zwei andere Dreiergruppen der Künstlerin, die Bürokraten und die Dummköpfe. Immer wieder schleicht sich der Schalk in ihre Arbeit ein, bringt wahre Gaukler hervor, aber auch Figuren, die ein zärtliches Mitleid verdienen. Die Frau aus der Installation 3 Wünsche ist eine von ihnen. Ganz um den Verstand gebracht hat sie der kapitale Fisch mit den Zauberkräften. So wie ihr alle Bescheidenheit abhanden gekommen ist, so sind ihr auch die Züge des Gesichts zur Fratze entglitten. Weil der Körper bei Claudia Katrin Leyh nichts verbergen kann, was seinen Geiste umtreibt. Weil er bei ihr stets zur Leinwand wird für die Last und Lust am Leben.

Immer wieder der Mensch – nicht als Schauspieler, der seine Gedanken hinter einer lachenden oder weinenden Maske verbirgt. Sondern nackt und ungeschützt. 

Ein Darsteller im großen Possenspiel des Lebens. Mimus vitae. 

Susann Winkel

 

Englische Fassung:

They are not secret keepers, the figures by Claudia Katrin Leyh. Too obvious are the stories written on their faces, of worry and narcissism, of grief and greed, read between forehead and chin as in an open book. Their faces are naked, without jewellery, and never flawless.  No additions to distract the viewer’s gaze, not even hair. These usually disappear under ambitious headgear : turbans, hoods, caps, even small teapot lids are put on these creations of bronze and paper pulp.  And Claudia Katrin Leyh assigns them their place in society: fools, masters, idiots. They are the archetypes one can find across the centuries in changing shapes. 
 
In the face of the Regent, one sees the grace of power mixed with the burden of high office.  Her eyes, forward-facing, seem to say more than her thin lips may. She might have been a Queen in a time long since past, but perhaps also a manager or politician.  Quite different the Tired Warrior.  Buffeted by battle and weary of struggle his eyes lower, his shoulders sag. He no longer keeps his bearing, to carry out his function on the battlefields of the world. He is tired, like the Urban Cowboy is tired of wandering the canyons of the city. He looks exhausted, he is drawn from the street. The gangster coolness of the deep-drawn front hood or hat turns out to be a facade. 
 
These are the contradictions in nature, these ambiguities of character which Claudia Katrin Leyh seeks to reveal in her busts and sculptures. And they are often attributed in their titles.  Their Pure Simplicity seems so simple. But the first impression is deceptive. Look longer at the woman and her face changes, now a madonna with a mild smile and classic lines. There is something difficult to reconcile, something dissonant in these people, an inner imbalance which is externally reflected : in deformation. The disharmonious body as a shell becomes the mirror of the discordant core, the dual spirit inherent within. 
 
The figures from the Hermannsfeld Atelier are never simply beautiful, their proportions constantly deviate from anatomical symmetry allowing contortions and asymmetries to peek through - crooked mouths, oversized noses, displaced cheeks. This can be accomplished discretely, as with the Regent or the contemplative thinker Silencium, but can also grow to the grotesque. The Golden Goose stretches her little head like a tower on a long, elongated neck, so high in the sky one fears she’ll stumble over her own feet. In her unflinching self-infatuation, she seems like a character from a fairy-tale, still waiting to be converted. The Oracle also looks skywards, hood and neck stretch up into the clouds, and whistles so happily and ecstatically that a beautiful future must be foretold. 
 
Here, Claudia Katrin Leyh prefers to work with colourful, bustling life as the inspiration for her work, rather than seeking out fabulous stories. People on the street or photographs in the newspaper - with a preference for athletes in their moment of greatest tension or jubilation; thus is her work inspired. Occasionally, however, the title comes first and develops into a piece. Not necessarily straight away, some themes simmer for years until they are realised into a form.  This can be a meditative form of philosophical approach, such as the sculpture Alter Ego - the two sit in the same boat, indistinguishable, directing little eyes on one another. Two that are spinning in circles because they have only one paddle with which to navigate. 
 
Occasionally the theme is also political, then out marches a whole square of peculiar Chinese from paper. Miniatures as opposed to the almost life-sized busts. They seem good-natured, with their small hands crossed over their robes, almost childish. But in their sheer numbers they are also threatening. Other figures can be ridiculed without hesitation - the Three Political Clowns, somewhat pathetic caricatures on the lords and masters of the land, dunce caps on their heads and a lance bearing a flag fluttering in the wind. 
 
In two other triplets, the artist again reminds us of bureaucrats and idiots, their appearance ridiculous. Again and again the rogue sneaks into her work, bringing out not only true entertainers but also those deserving a tender pity. The woman from Three Wishes is one such figure. With witchery she has brought down a stellar fish. But we see all modesty is lost, a grimace lines the features of her face. Under Claudia Katrin Leyh, the body can not hide anything, least of all what haunts the spirit. With her, it always becomes the canvas for the burdens and desires of life. 
 
Again and again the man - not as an actor who hides his thoughts behind a mask, laughing or weeping. But naked and unprotected. 
 
A great performer in the farce of life. Mimus vitae.
 
Susann Winkel
 
Immer wieder der Mensch